Oxen – ein harter Kerl mit weichem Kern

24/08 2018 von Jens Henrik Jensen

Oxen – ein harter Kerl mit weichem Kern

INTERVIEW / Fünf Fragen an Jens Henrik Jensen
1. Ihr Protagonist Niels Oxen ist ein komplexer Charakter. Ein schwer traumatisierter Elitesoldat, in seiner Vaterrolle verhindert und ein Eigenbrötler, der jedem misstraut und am liebsten im Wald lebt. Kein wirklich sympathischer Zeitgenosse. Trotzdem erfreuen sich Ihre Bücher einer großen Fangemeinde. Worin, meinen Sie, liegt die Faszination der Figur?
JHJ: Na ja, ich glaube eigentlich schon, dass Oxen ein sympathischer Zeitgenosse ist. Aber man muss ihn eben erst kennenlernen … Vielleicht ist es ja so, dass man ihn immer gerner hat, je besser man ihn kennenlernt. Und wenn das so ist, dann hat er wirklich das Zeug zur Hauptfigur – einer Hauptfigur, die den Lesern etwas bedeutet. Das ist das Wesentliche für einen Schriftsteller, denn ohne überzeugende Hauptfigur keine Story.
Die Faszination, die von Niels Oxen ausgeht, hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Einerseits tut er das, was Helden nun mal tun – und was die Leser begeistert. Andererseits ist er nicht dazu in der Lage, die für zwischenmenschliche Beziehungen wesentlichen Verhaltensweisen zu zeigen: sich zu vertrauen, einander nah zu sein, seine Gefühle zu äußern. Ich denke, diese helle und dunkle Seite der Figur gefällt den Leuten. Oft bekomme ich zu hören: „Ach bitte, können Sie diesem wunderbaren Mann nicht ein besseres Leben geben?“ Das heißt die Leser haben auch Mitgefühl für ihn. Aber ich muss zugeben: Es war nicht meine Absicht, eine Figur zu schaffen, die besonders gut ankommt. Ich mag ihn einfach selbst, so wie er ist – ein harter Kerl mit weichem Kern.

2. Eine wichtige Rolle spielen der Danehof und das Schloss in Nyborg. Dort trifft sich in Ihren Büchern ein Geheimbund aus führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, um über die Geschicke des Landes zu entscheiden. Und auch bei den ermittelnden Polizisten weiß man als Leser nie, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Halten Sie Staatssysteme grundsätzlich für korrupt?
JHJ: Dass alle Staatssysteme korrupt sind – so grundsätzlich kann man das nicht sagen. Dänemark und die anderen skandinavischen Länder sind in den Listungen der Staaten nach Ausbreitung von Korruption seit Jahrzehnten ganz unten zu finden. Aber wenn man die gesamte Welt in den Blick nimmt, gibt es Länder, in denen Korruption ein solches Ausmaß angenommen hat, dass man es fast nicht glauben kann.
Mir geht es zuallererst darum, dass Macht unausweichlich zu Machtmissbrauch führt – wann und wo auch immer. Das gilt sowohl für Dänemark und Deutschland als auch für alle anderen sogenannten „zivilisierten Länder“. Machtmissbrauch tritt in sehr unterschiedlicher Art und Weise auf – und in allen Gesellschaftsschichten.

3. In der Trilogie greifen Sie auch gesellschaftskritische Themen wie die die Finanzkrise 2008, die problematische Lage des Wohnungsmarkts in Kopenhagen oder den Umgang mit traumatisierten Soldaten auf. Sind Sie trotzdem ein Optimist?
JHJ: Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang als Journalist gearbeitet. In dieser Zeit lernte ich unsere Gesellschaft und Politik auf eine Weise kennen, die möglicherweise dazu führte, dass ich die ein oder andere Illusion aufgegeben habe. Aber als Mensch bin und bleibe ich Optimist, besonders wenn es um Dinge geht, die man selbst in der Hand hat. Zum Beispiel einen guten Job zu machen, indem man hart arbeitet. Oder freundlich zu anderen zu sein und das eigene Leben und das Leben seiner Familie auf die richtige Art zu lenken.

4. Sie haben sich nach über fünfundzwanzig Jahren als Journalist mit Recherchereisen in aller Welt für das Leben als Schriftsteller in ihrem Geburtsort Sovind auf dem dänischen Land entschieden – ist das eine Konsequenz aufgrund Ihren Erfahrungen auf Reisen?
JHJ: Lange Zeit dachte ich, dass es mich nach Spanien oder Südamerika verschlagen wird. Ich mag die Lebensweise in diesen Ländern, die Menschen und ihre Kultur. Doch je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass der schönste Flecken Erde derjenige ist, wo ich wohne: auf dem Land in Dänemark. Hier nimmt man den Wechsel der Jahreszeiten besonders gut wahr, und meine beiden Jungs haben ein sicheres, geordnetes Leben.

5. Die deutschen Leser sind natürlich auf den Abschluss der Trilogie gespannt. Können Sie uns schon verraten, ob es für Niels Oxen ein Leben nach dem dritten Band gibt?
JHJ: Ja, es wird für Niels Oxen weitergehen. Der vierte Band der Serie wird im September 2018 in Dänemark erscheinen. Oxen, Franck und Mossman stehen wieder im Zentrum, aber sie bekommen es in diesem Standalone mit einem völlig neuen Fall zu tun. Es fiel mir gar nicht so leicht, für Niels Oxen den richtigen Weg zu finden, weil ich mit der Figur einfach nicht abschließen konnte. Und nun ist es mir gelungen, ihm eine neue spannende Mission zu geben – so hoffe ich jedenfalls!

Zurück

Geben Sie einen Kommentar

bubblemedia